Herr Amenda, die Entwicklung der Verbraucherpreise scheint sich etwas zu normalisieren. Was sorgt aktuell für die anhaltend hohen Inflationsraten?
Einen Einfluss auf die Inflation haben die Energiepreise. Vor allem die Strompreise sind im Vergleich zum Vorjahr kräftig gestiegen. Daneben sind Nahrungsmittelpreise ein weiterer Treiber.
Sind die hohen Energie- und Nahrungsmittelpreise der einzige Inflationstreiber?
Es haben sich auch andere preissteigernde Faktoren gehalten. Fachkräfte sind nach wie vor knapp, auch bei den weniger qualifizierten Arbeitskräften herrscht weiterhin Mangel. In Summe verzeichnen wir zwar eine Beruhigung des Inflationsgeschehens, aber wir sehen darin nicht mehr als eine Verschnaufpause. Für eine Entwarnung ist es zu früh, zumal die preissteigernden Kräfte weiterhin bestehen und sich überdies für die kommenden Monate bereits heute wieder deutlich stärker abzeichnen.
Werden die Zentralbanken ihre geldpolitischen Zügel bald wieder lockern, um der Konjunktur Auftrieb zu verschaffen?
Über kurz oder lang dürfte es hier sicher wieder zu einer Entspannung kommen, aber derzeit nicht. Meines Erachtens wäre das auch fahrlässig. Je länger die Inflation bleibt, umso wahrscheinlicher setzen sich höhere Inflationserwartungen fest, die dann wieder höhere Lohnforderungen nach sich ziehen. Diese wiederum könnten eine zu hohe Inflation auch perspektivisch begünstigen und verlängern. Am Ende ist es besser, jetzt konsequent zu bleiben. Eine andauernde Inflation wäre in der Konsequenz das schlechtere Szenario für alle.
Können wir überhaupt mit mehr Wachstum rechnen – mit einem positiven Beitrag aus den USA und wie in den vergangenen Jahren aus China?
Es geht in die andere Richtung. Wir verzeichnen weltweit eine Verlangsamung der wirtschaftlichen Aktivität. In den USA wird die Wachstumsrate deutlich höher als in Europa ausfallen werden. Vor allem Deutschland befindet sich eher im Rückwärtsgang, was auch die öffentliche Diskussion widerspiegelt. Von China sind derzeit keine Impulse zu sehen und auch nicht zu erwarten. Die Situation kann sich drehen, es kann besser als gegenwärtig erwartet kommen. Die Wahrscheinlichkeit dafür würde ich aber nicht überbewerten.
Was heißt das für private Anlageentscheidungen?
Anleger mit einem langen Anlagehorizont können sich zurücklehnen. Je länger der Blick nach vorne geht, desto mehr nivellieren sich kurzfristige unterjährige Bewegungen an den Kapitalmärkten in die eine oder andere Richtung. Wer sein Geld lange liegen lassen kann und sich von zwischenzeitlichen Schwankungen nicht aus der Ruhe bringen lässt, sollte auf risikobehaftete Positionen nicht verzichten. Anleger mit einem langen Anlagehorizont sind letztlich immer gut beraten, in schwankungsintensivere Anlagen zu investieren, wie beispielsweise in Aktienfonds, selbst wenn das allgemeine Stimmungsbild an den Märkten das derzeit nicht unterstützt. ERGO und MEAG bieten in diesem Produktsegment eine Reihe von maßgeschneiderten Anlagelösungen an. Es dürfte riskanter werden, auf einzelne Titel zu setzen. Deswegen sehen wir Investmentfonds als das Mittel der Wahl für langfristige Anlageentscheidungen.