Stefan Amenda: Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die EZB in der Tat das getan hat, was von ihr erwartet worden war. Sie hat nicht nur die Zinsen gesenkt, sondern auch ihre starke Datenabhängigkeit betont und sich entsprechend auf keinen konkreten künftigen Zinspfad festgelegt. Grundsätzlich ist nun zu erwarten, dass sich mit nachlassendem Inflationsdruck auch der Raum für weitere Zinssenkungen öffnet. Es gilt jedoch zu berücksichtigen, dass die EZB auch andere Daten in ihre Einschätzung mit einfließen lassen wird.
Ist demnächst also mit einer weiteren Zinssenkung durch die europäische Notenbank zu rechnen?
Stefan Amenda: Die Zinswende ist eingeleitet. Doch sollte nun mit Augenmaß und kleinen Schritten in diese Richtung weitergegangen werden. Zwar hat die EZB ihre Inflationserwartungen angehoben, dennoch erwarten wir noch zwei weitere Zinssenkungen in diesem Jahr, gegebenenfalls können im kommenden Jahr noch weitere folgen. Auch die US-Notenbank FED dürfte in diesem Jahr die Zinsen unseres Erachtens ein- bis zweimal senken. Dabei wird es aber interessant sein zu beobachten, wie dies vor dem Hintergrund der anstehenden US-Präsidentschaftswahlen diskutiert und gewertet werden wird.
... denn die FED wird sich nicht dem Vorwurf aussetzen wollen, sich in die US-Wahlen einzumischen …
Stefan Amenda: Vielmehr gehen wir davon aus, dass die US-Notenbank ihre Unabhängigkeit in dieser Situation unterstreichen und entsprechend ihre Entscheidungen für oder gegen eine Zinsänderung sehr genau begründen wird.
Ebenfalls von Bedeutung ist, wie die jüngsten Wahlen zum Europäischen Parlament an den Kapitalmärkten in Europa aufgenommen wurden.
Stefan Amenda: Nicht den Erwartungen entsprach, dass das Ergebnis Neuwahlen in Frankreich nach sich ziehen würde. Und es ist fraglich, ob es ein kluger Schachzug des französischen Präsidenten Emmanuel Macron war, das Parlament aufzulösen. Nimmt man die Marktreaktion als Gradmesser, ist die Meinung eher defensiv. Schließlich dürfte der Ausgang der Europawahl die Entscheidungsfreude bei wichtigen politischen Projekten in Europa eher bremsen, auch weil man sich in der neuen Konstellation mit den entsprechenden Mehrheiten neu arrangieren und einrichten muss.
Folglich erscheint es so, als ob Europa gegenüber den USA noch weiter ins Hintertreffen gerät, und zwar nicht nur, was die konjunkturelle Entwicklung angeht, sondern auch die politische Entscheidungsfreude.
Wie wirkt sich dies auf die Aktienmärkte aus?
Stefan Amenda: Die US-Aktienmärkte haben zwar bereits viel an positiver Gewinnentwicklung vorweggenommen, aber die wirtschaftlichen Perspektiven jenseits des Atlantiks sind auch deutlich überzeugender als in Europa. Entsprechend sehen wir eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass sich die Aktienkurse in den USA tendenziell besser entwickeln als in Europa.
Was sollten private Anleger aus all dem folgern?
Stefan Amenda: Insgesamt empfiehlt sich für private Anleger weiter eine breite Streuung und eine gute Mischung, wie sie beispielsweise unsere ERGO Vermögensmanagementfonds bieten. Wer dagegen gezielt Chancen an den Aktienmärkten wahrnehmen möchte, für den drängt sich aufgrund seiner Wertentwicklung der internationale Aktienfonds MEAG GlobalAktien geradezu auf.